Wo in unserer Gesellschaft treibt zeitgeistige Ideologie ihr Unwesen heute am buntesten? In der Politik? Nein, da sind immer auch die Gegengewichte vorhanden. In meiner Rangliste ungehemmten woken Treibens stehen Kultur, Bildung und Medien zuoberst.
Hier ein selbst erlebtes Beispiel, wie künstlerische Karrieren mit bizarren Anschuldigungen zerstört werden. Damit verbunden ein Aufruf an Kulturveranstalter, auf die Unsitte zu verzichten, sich zwischen Künstler und Publikum zu drängen, indem sie sich mit salbungsvollen Reden, Blumensträussen und anderen Gaben wichtig machen.

Wenn sich Veranstalter vordrängen
Wer ein Konzert besucht oder eine andere künstlerische Veranstaltung, erlebt regelmässig Folgendes: Vor dem erwartungsvollen Publikum pflanzt sich zuerst einmal ein Vertreter – öfter: eine Vertreterin – des Veranstalters auf. Begrüsst wortreich und erklärt dem Publikum, warum es hierhergekommen sei. Wie wenn es das nicht selbst wüsste. Gerne wird die rhetorisch oft peinlich unbeholfene Begrüssung durch etwas salbungsvolles Selbstlob angereichert. Bis es dann endlich, endlich anfängt.
Am Ende der Veranstaltung drängt sich der Vertreter des Organisators nochmals vor, bedankt sich beim Vortragenden/Künstler mit erneut unbeholfenen Worten und – Höhepunkt! – überreicht ihm einen Blumenstrauss, eine Flasche Wein oder das ortstypische Produkt eines lokalen Herstellers. Sodass sich manch ein Zuhörer fragt, ob denn das Auftrittshonorar so tief sei, dass es noch durch eine solche Zugabe aufgewertet werden müsse.
Genau diese Unsitte ist besonders ausgeprägt zu erleben in Kirchen, besonders solchen der evangelisch-reformierten Sorte. Was den Verdacht erweckt, dass «nur» künstlerisch-kulturelles Tun in einer Kirche noch immer speziell gerechtfertigt werden müsse. Weil Zwingli und Luther eventuell dagegen Einsprache erheben könnten.
Der Fall John Eliot Gardiner
Wenn sich dann nach einer besonders eindrücklichen Darbietung der Veranstalter zur Unzeit zwischen den Künstler und sein Publikum drängt, das ihm mit seinem Applaus danken möchte, kann es nicht nur lästig, sondern auch problematisch werden.
So geschehen in der Leipziger Stammkirche des Thomaskantors Johann Sebastian Bach. Wo es nach einem der ergreifendsten Konzerte im Rahmen des diesjährigen Bachfests kürzlich zu einem «Eklat» kam, von dem alle deutschen und einige Schweizer Medien aufgeregt berichteten: John Eliot Gardiner, einer der eindrücklichsten Musikerpersönlichkeiten der Gegenwart, wurde vom Publikum minutenlang begeistert gefeiert, als auf der Empore der Thomaskirche das Unheil in der stämmigen Gestalt einer jüngeren Dame nahte. Sie tippte dem 83-jährigen Weltstar zur Unzeit burschikos auf die Schulter, um ihm das Geschenk des Veranstalters zu überreichen: eine Papierrolle mit einem Umweltzertifikat – typisch für den grün-roten Zeitgeist, der in deutschen Kirchen weht.
Irritiert griff sich Gardiner den Wisch, um ihn gleich wieder loszuwerden. Da die Dame aber keine Hand frei hatte, drängte er ihr das Papier wieder auf, was sie und vor allem die deutschen Medien als Akt der sexuellen Belästigung interpretierten: Gardiner habe versucht, ihr das Papier ins Decolletée zu schieben – was bei den hochgeschlossenen schwarzen T-Shirts, welche die Bachfest-Mitarbeiter tragen, schwer vorstellbar ist. Egal, der Vorwurf ging um die Welt.
Opfer: junge Frau. Täter: alter Mann. Alles klar
Die junge Dame reichte denn auch Strafanzeige gegen Gardiner ein, der tatsächlich einen Ruf als reizbare, aufbrausende Persönlichkeit besitzt. Daraufhin brandete in den deutschen Medien, besonders in den Kultursendungen der ARD, ein veritabler Shitstorm über den Musiker herein.
Eine SWR-Mitarbeiterin verglich den Vorfall mit der Gewohnheit von Freiern, Tänzerinnen und Prostituierten Geldscheine in den Ausschnitt zu stopfen. Verstörend fanden die Medien den Vorfall alle; der Dame, die sich angeblich «in psychiatrischer Behandlung» befinde, galt alles Mitleid. Dem 83-jährigen Dirigenten hingegen wurde mitgeteilt, seine künftige Rolle am Bachfest (Gardiner soll 2027 das Abschlusskonzert dirigieren) werde «überprüft». Junge Frau als Opfer, alter Mann als Täter: alles klar.
Sollte man Bach-Kantaten canceln?
Übrigens: Über Johann Sebastian Bachs Persönlichkeit ist wenig bekannt. Immerhin so viel: Er galt als reizbare, schwierige Person, wenn es um seine Musik ging. Einen Fagottisten beschimpfte er so derb, dass dieser ihm auflauerte, wonach es zu einer üblen Schlägerei kam. Ein Degen war schon gezückt.
Nimmt man die teils gewalttätigen Texte hinzu, die Bach vertonte (sie stammen ja zum Teil aus der Bibel), müsste wohl auch einmal untersucht werden, ob der grösste Komponist, den wir kennen, die moralischen Standards des woken Zeitgeists erfüllt. Vielleicht würde dann die eine oder andere Bach-Kantate aus künftigen Konzertprogrammen verschwinden.