Amtliche Hitzewarner, Journalisten und Klimaseniorinnen haben gerade Hochkonjunktur. Denn es kann nicht bestritten werden: Es ist heiss. Aber Achtung: Die viel grössere Gefahr für die Gesundheit ist nach wie vor die Kälte. Sie verursacht fünf- bis zehnmal mehr Todesfälle als die Hitze. Forscher vermuten daher sogar, dass die temperaturbedingte Sterblichkeit in Europa mit dem Klimawandel sinken könnte. Weil dann weniger Menschen an Kältefolgen sterben.

Betreute Sorge um Angehörige
Es ist schon fast rührend: Vom Bundesamt für Gesundheit bis hinunter zur örtlichen Schulpflege kümmern sich Behörden und mit ihnen die Medien wieder einmal besonders intensiv um uns: Verhaltenstipps sonder Zahl erklären uns, wie wir uns vor der Hitze und deren Gefahren schützen. Wo kämen wir hin, wenn uns kein Amt, keine Zeitung daran erinnern würde, dass wir uns regelmässig erkundigen sollten, ob es der Grossmutter im Heim, dem kranken Nachbarn oder der jungen Mutter mitsamt Baby auch gut gehe bei dieser Hitze.
So geht betreutes Leben! Immerhin haben die amtlichen Warner und Kümmerer ihre Rosse im Vergleich zu früheren Sommern etwas gezügelt. Nicht wie damals, als «Ozon» Schlagwort und Vorwand war, uns einen Sommer lang mit geradezu lächerlichen Verhaltensmassregeln zu bombardieren. Etwa, dass ältere Menschen nach 12 Uhr mittags im Freien keinen Sport betreiben sollten. Vielen Dank, dachte ich damals. Ich wollte doch gerade in der Mittagspause für den New Yorker Marathon trainieren.
Hauptsache gefährlich: Vom Ozon zum Radon
Wer damals dachte: Ich halte mich während der grössten Hitze ohnehin lieber im kühlen Keller auf, wurde in jenem Sommer von einer anderen amtlichen Warnung ausgebremst. Denn in manchen Kellern der Schweiz, so wurden wir ermahnt, herrsche eine viel zu hohe Radon-Konzentration. Dieses radioaktive Edelgas könne aus dem Untergrund in die Kellerräume eindringen und verursache nach dem Einatmen Lungenkrebs – die zweithöchste Gefahrenquelle nach dem Rauchen. Die geringste Gefahr für die Gesundheit bestand wahrscheinlich darin, nicht mehr zu atmen – doch das gaben wir nach einigen Versuchen auf. War irgendwie unbequem.
Zugegeben, die Hitze hat ihre Tücken. In heissen Schulzimmern lernt es sich nicht mehr gut, und auf den Feldern leiden, wie uns die NZZ soeben mitteilt, die Kartoffeln, der Blumenkohl und – nomen est omen – der Eisbergsalat. Wobei letzterer ja allein schon aus sprachlich-psychologischen Gründen eine sinnvolle Massnahme gegen das Hitzegefühl darstellen würde. Dass diese nun wegfällt, müsste eigentlich ein Protest-Communiqué der Klimaseniorinnen gegen das Fehlen des Eisbergsalats in den Regalen wert sein.
Und dann die Tropennächte!
Meteo Schweiz warnt auch vor einer bedenklichen Zunahme der «Tropennächte», also jener Nächte, in denen die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad sinkt. Obwohl eine Zimmertemperatur von 21 Grad noch nicht unbedingt tropische Erinnerungen bei uns wachruft.
Und tatsächlich: Wenn man bedenkt, dass viele Schweizerinnen und Schweizer im Winter den Thermostat auch fürs Schlafzimmer gerne auf 20 Grad oder darüber einstellen, und weil die Heizperiode in unserem Land zwischen 180 und 240 Tage beträgt, liegt die Zahl der Tropennächte hierzulande vermutlich bei der höchst besorgniserregenden Zahl von rund 200 pro Jahr! Höher jedenfalls als im Süden Europas, wo die Schlafzimmertemperatur im Winter bei einem grossen Teil der Bevölkerung wegen fehlender Heizung oder hoher Energiepreise während längerer Zeit tiefer liegt.
Wobei wir beim Kern des Problems angelangt wären: Kälte ist die viel grössere Gefahr für die Gesundheit als Hitze. Ernstzunehmende Schätzungen (unter anderem in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «The Lancet») sprechen von fünf- bis zehnmal grösseren Opferzahlen durch Kälte im Vergleich zu den Hitzetoten. Während die Behörden aber über die Gefahren der Hitze akribische Zahlenreihen produzieren, finden wir auf der Suche nach vergleichbaren Daten für die Kälte: nichts! Weil die Auswirkungen der Kälte auf die Gesundheit deutlich komplexer seien als jene der Hitze, erklären die Experten.
Wer warnt uns vor der Kälte?
So wird es denn auch, wenn der Winter naht, auch dieses Mal keine dramatischen Warnungen und Empfehlungen an die Bevölkerung geben, sich vor der Kälte zu schützen. Die doch angesichts der nackten Daten viel dringlicher wären. Weil die Zahl der kältebedingten Todesfälle (Infektions- und Atemwegerkrankungen, Erfrierungen etc.) diejenige der Hitzetoten um ein Mehrfaches übertrifft. 5200 Kältetoten stehen in der Schweiz nach den Schätzungen der Wissenschaft 326 Hitzetote (2024) gegenüber.
Sollten die Klimaseniorinnen mitsamt ihren mächtigen Verbündeten die Gesundheitsgefahren der Kälte entdecken, dann gibt es für unsere Gesundheitsbehörden nur einen Rat: Zieht Euch warm an!