Die Fakten: Seit Sonntag verhandeln die USA mit dem Iran auf dem Bürgenstock. Iran spricht von «Fortschritten».
Warum das wichtig ist: OK, das Hotel gehört Katar, und Katar vermittelt. Und doch hat das eine lange Tradition: Diplomaten lieben die schönen Orte. Eine kleine Kulturgeschichte.
Wer heute nach Baden kommt und sich fragt, falls er es überhaupt weiss, warum diese kleine Stadt gut 300 Jahre die faktische Hauptstadt der alten Eidgenossenschaft war (1291-1798), sollte sich in die Grossen Bäder begeben:
- Zum Beispiel ins Fortyseven, dem grössten, offiziellen Bad. Hier bestellt man für sich und seine Begleiterin am besten einen Champagner, um sich dann mit dem Glas in den warmen Aussenpool zu setzen (was man darf) und die «Goldwand» zu bestaunen, ein steiler Rebberg, der sich auf der gegenüberliegenden Seite der Limmat in die Höhe zieht.
- Das Wasser, in dem man sich nun behaglich treiben lässt, stammt aus natürlichen Thermalquellen; ein paar liegen gar im Untergrund der Limmat, wo das Wasser aus der Erde schiesst – mit einer Temperatur von 47 bis 48 Grad Celsius, daher der neudeutsche Name des Bades.
- Was allerdings manchen Besuchern kaum bewusst ist: In Baden wird seit mehr als 2000 Jahren gebadet. Hier badeten die Kelten und die Römer, dann Kaiser, Könige, Kardinäle, aber auch Nonnen, Mönche, Prostituierte, Diplomaten, Generäle, Glücksritter – und die «Boten», wie die Delegierten der 13 Orte der alten Eidgenossenschaft hiessen. In der Regel handelte es sich um die mächtigsten Politiker jedes Kantons.
Seit dem 15. Jahrhundert fand in Baden die Tagsatzung statt, wie das oberste Gremium dieser frühen Republik genannt wurde, eine Mischung von Parlament, Regierung und multilateraler Organisation. Je nach Bedarf traf man sich mehrere Male im Jahr, nicht immer in Baden, aber sehr oft, weswegen der kleine Ort zu einer Art kurioser Hauptstadt der alten Eidgenossenschaft aufstieg, dieses kuriosen mittelalterlichen Staates. Das lag nicht zuletzt an den warmen Quellen.
- War es nicht angenehm, wenn man sich nach einer anstrengenden Tagsatzung, die in der Regel frühmorgens begonnen hatte und wo man sich stritt oder langweilte, – wenn man sich danach in den Bädern von diesen Strapazen erholen konnte?
Oft blieben die Delegierten bis zu sieben Stunden im Wasser – was sehr ermüdend gewesen sein muss. Sie assen und tranken hier – wozu es schwimmende Tischchen gab, und natürlich blieben sie nicht lange allein. Ehefrauen oder andere weibliche Bekannte fanden sich ein. Baden galt als luxuriöser, aber auch als verruchter Ort. Man sprach mit geschwellter Brust von bedeutenden Konferenzen, denen man aus Staatsräson beizuwohnen hatte, – vom damit verbundenen Vergnügen wurde kaum berichtet oder dann nur getuschelt.
Nichts machte Baden populärer als seine warmen Quellen.
Seit der Römerzeit waren die Bäder von Baden weltberühmt, sie waren so bekannt, dass man bloss von den Balnea naturalia(natürliche Bäder) oder den Termae sprach, ohne den Ort zu nennen. Täglich tritt hier rund eine Million Liter Wasser an die Oberfläche. Heute zählt man neunzehn Quellen. 1489 wurden elf genutzt, sie speisten zwei grosse Bäder unter freiem Himmel sowie weitere 43 Badeeinrichtungen.
- Wie sehr dieses warme Wasser die Menschen anzog zu einer Zeit, da schon nur das Aufheizen eines Zubers Wasser aufwendig war, ist leicht zu verstehen.

Es lag darin wohl der wichtigste Grund, warum Baden überhaupt zum Tagsatzungsort wurde, wie schon der Zürcher Josias Simler anmerkte: Die Stadt liege günstig in der Mitte der Eidgenossenschaft, schrieb er 1576, und es «befinden sich doch dort warme Bäder, welche ebenso wohl lustig als zur Gesundheit dienlich sind, dass viele Fremde solche besuchen». Gesund? Vor allem lustig. Baden war eine Art Las Vegas des Mittelalters.
Wie in der Gegenwart die meisten internationalen Konferenzen an wunderschönen Orten stattfinden, wo sich die Politiker und Diplomaten wohl fühlen, wählten auch die Könige, Fürsten und Bischöfe des Mittelalters gerne Städte, die ihnen die nötige Zerstreuung boten – und alle Kosten übernahmen.
- Das alles gilt auch für den Bürgenstock: Hier ist es wunderschön, man kann in einem Infinity Pool schwimmen, nachdem man die Iraner von ihrer Atombombe abgebracht hat, und man überlässt die Rechnung wohl den etwas naiven Nachkommen der alten Eidgenossen.
- Allein die exorbitanten Sicherheitsbedürfnisse der Gäste, vor allem der eher paranoiden Amerikaner und der wirklich paranoiden Iraner, dürfte die Schweiz Millionen kosten, die man in Bern wohl als Investment verbucht, wogegen sie doch nicht allzu viel bewirken dürften – ausser ein paar anmächeligen Bildern vom Bürgenstock in der New York Times.
Um bloss ein Beispiel weiterer Kosten zu nennen, von denen niemand weiss: Wie ich vernommen habe, gilt während dieser Tage ein fast vollständiges Flugverbot über dem Vierwaldstättersee, was manchen privaten Anbieter von Alpenflügen um beträchtliche Einnahmen bringt.
- Wann, wenn nicht jetzt bei schönstem Wetter, würden indische oder chinesische Gäste gerne im Helikopter oder im Sportflugzeug unsere Berge bewundern?
- Natürlich werden diese privaten Unternehmer nicht entschädigt. Der Staat verbietet, die Privatwirtschaft zahlt die Rechnung.
Das war in Baden übrigens nicht anders, als es von der Tagsatzung gut zu leben meinte:
- Der Badener Stadtrat stürzte sich in Unkosten, es lag ihm viel daran, dass die zahlungskräftigen Politiker und Diplomaten immer wieder kamen.
- Im Herrengarten, einem kleinen Park, lud der Stadtrat die Tagherren jeweils zum «Eidgenossenmahl», wo es Wild, Wein und Bier in Hülle und Fülle gab.
- Es wurde gefestet und geplaudert, getanzt und gespielt, verraten und bestochen. Den ausländischen Diplomaten schenkte man sogenannte Ehrengaben, die aus Lebensmitteln, Weinen und anderen Spezialitäten bestanden.
- Auch die Sicherheit war eine ständige Sorge, und sie war teuer: Den Botschaftern stellte man Ehrenwachen vor die Zimmer – und wenn sie kamen, wurden sie mit Truppenaufgeboten in ihre Herberge geleitet.
Ob sich diese frühen Investitionen in den Badener Fremdenverkehr gelohnt haben, ist offen. Gesichert dagegen sind die Beträge: Sie sind beachtlich, wie die roten Rechnungen des Badener Säckelmeisters zeigen. Gulden für Gulden notierte er die ungeheuren Ausgaben, die der Stadtrat für nötig hielt, um das Prestige seiner kleinen Stadt in ganz Europa zu festigen.
Hat es sich ausbezahlt? Wer redet heute noch von Baden? Ausser vielleicht Markus Somm, der dort aufgewachsen ist.
Ich wünsche Ihnen einen nicht allzu heissen Tag
Markus Somm
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