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Seit es die Schweiz gibt, wird ihr Untergang vorhergesehen. Warum es nie dazu kommt.

Die Schweiz nähert sich zunehmend dem europäischen Durchschnitt an, was Besorgnis über den Verlust ihres politischen Sonderwegs weckt – ein Thema, das bereits 1910 Emanuel Blocher, Urgroßvater von Christoph Blocher, beschäftigte. Er warnte vor der Zentralisierung, der Bürokratisierung und ...

Seit es die Schweiz gibt, wird ihr Untergang vorhergesehen. Warum es nie dazu kommt.
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Die Fakten: Die Schweiz gleicht sich dem Euro-Durchschnitt an: Ob Regulierungen, Staatsquote oder Vordringen der Berufspolitiker – das Land passt sich an.

Warum das wichtig ist: Die Schweiz ist ein politischer Sonderfall. Oder war er das? Anzeichen für eine beunruhigende Entwicklung.

Im Jahr 1910 schrieb ein Manager seinem Sohn einen Brief, in dem er sich mit dem Zustand der Schweiz befasste. Er war besorgt:

Gewiss, das Wort «Rasse» schreckt uns heute auf, damals war es aber noch vergleichsweise harmlos, wenn nicht modischer Standard unter gebildeten Leuten. Was der Autor meinte, waren die kulturellen und ethnischen Unterschiede unter den europäischen Staaten, er fuhr fort:

Da hatte der Autor recht. Er erlebte es nicht mehr, er starb 1920. Der Autor hiess Emanuel Blocher, er wirkte als Direktor einer Spinnerei in Münchenstein bei Basel und Sie erraten es korrekt: Er war der Urgrossvater von Christoph Blocher. Wenn es einen Grund gibt, an eine Art politische DNA in einer Familie zu glauben, dann vielleicht diese Bemerkung von Emanuel Blocher. Gleicht sein Befund nicht in mancher Hinsicht den Standpunkten des Urenkels?

Hinterher ist man klüger.

Trotz unbestreitbarer Angleichung der Schweiz an ihre Nachbarn (und umgekehrt): Unser Land gibt es immer noch. Weder die Welschen noch die Tessiner haben sich Richtung Paris oder Rom abgesetzt, noch schlossen wir uns Deutschschweizer etwa Deutschland an (wenn schon, schlössen sich die Deutschen nun lieber uns an).

Womit Blochers Urgrossvater aber richtig lag: Die Schweiz, ein Sammelsurium von Sprachgruppen, Konfessionen und im Mittelalter entstandenen Kantone, war ständig in ihrer Existenz bedroht, wenn sie sich zu sehr ihrer Umgebung annäherte.

Das tat sich nicht erst 1910. Sondern seither immer wieder.

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Zugleich blieb die Schweiz jedoch ein störrischer Eigenbrötler, wenn sich die Umstände änderten; in den 1930er Jahren wurde zwar genauso kopiert, und doch wäre es niemandem in den Sinn gekommen, den italienischen Faschismus oder gar den deutschen Nationalsozialismus bei uns einzuführen (OK, es gab Ausnahmen). Man besann auf sich selbst – aus Zwang, unfreiwillig, und pflegte in den 1950er Jahren die eigene politische Identität viel sorgfältiger als je zuvor. Nicht einmal ein Beitritt zur neuen Uno kam in Frage, geschweige denn eine Integration in die damals entstehende, spätere EU.

Emanuel Blocher war zu Recht besorgt – und dann auch wieder nicht.

Der politische Sonderfall lebt – auch wenn sich eine Art fünfte Kolonne in unserem Land festgesetzt hat, die vor lauter Europhilie so gut wie alle Eigentümlichkeiten dieses Landes opfern will – im Wesentlichen wären das die direkte Demokratie, der manchmal fast bizarre Föderalismus, die Gemeindeautonomie, schliesslich das Milizsystem, das unsere Politik überall durchwirkt.

Was manchen Schweizern dabei viel zu wenig geläufig ist: Wenn wir darüber nachdenken, warum unser Land nach wie vor eines der reichsten Länder der Welt ist, dann kommt der politischen Sonderentwicklung der Eidgenossenschaft, eigentlich seit ihrer Gründung, eine hervorragende Bedeutung zu:

Was allerdings auch stimmt: Das Schwanken zahlt sich auch aus. Wir haben viele Dinge vom Ausland gelernt: angefangen von den zwei Kammern in unserem Parlament, die wir den Amerikanern verdanken, bis zu unseren Universitäten und Gymnasien, die an erster Stelle die Deutschen im 19. Jahrhundert für uns aufgebaut haben, nicht zuletzt die ETH.

Die Schweiz ist ein konservativer und weltverflochtener Kleinstaat. Immer bedroht, sich selbst aufzugeben vor lauter Offenheit, und zugleich zu stur, um je unterzugehen.

Oder um den hellsichtigen Emanuel Blocher zu wiederholen:

«Aber Du und ich erleben dies nicht.»

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Tag

Markus Somm

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