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In kaum einem Land fällt der Aufstieg leichter als in der Schweiz. Familie, Vitamin B spielen eine untergeordnete Rolle, Leistung triumphiert.

In kaum einem Land fällt der Aufstieg leichter als in der Schweiz. Familie, Vitamin B spielen eine untergeordnete Rolle, Leistung triumphiert.
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Die Fakten: Die familiäre Herkunft spielt in der Schweiz kaum eine Rolle, wenn es darum geht, aufzusteigen. Das belegt eine Studie des IWP.

Warum das wichtig ist: Die Schweiz ist amerikanischer als Amerika. Ein Land der Tellerwäscher-Karrieren.

Zu Fuss war der junge Mann aus dem Puschlav über den Bernina und Julier nach Chur gezogen, wo er sich ein neues Leben aufbauen wollte, denn in der Heimat, jenem abschüssigen, verhungerten, verwunschenen Tal kurz vor Italien, gab es keine Zukunft für ihn. 

Obwohl er, der italienischsprachige Bündner, kaum Deutsch verstand und in der kurzen Schulzeit wohl nur wenig Brauchbares gelernt hatte, fand er eine Stelle als Handlanger im kantonalen Zeughaus, was damals, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, ein grosses Glück bedeutete. 

Er muss sehr energisch und fleissig gewesen sein, der junge Mann, denn bald stieg er auf und wurde Büchsenmacher, also einer jener wichtigen Handwerker, die wussten, wie man Gewehre herstellt und repariert. In jener Epoche der vielen Kriege, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, waren unschätzbare Kenntnisse. Aus dem radebrechenden Hilfsarbeiter, den manche als vermeintlichen Italiener beschimpft hatten, war ein gefragter Fachmann geworden.

Karriere einer Familie

Heimatverbunden und gläubig, heiratete er eine Frau, die ebenfalls aus Italienisch-Bünden stammte und selbstverständlich römisch-katholisch getauft war. Der Ehe, die als glücklich bezeichnet wurde, entsprangen acht Buben. 

Von diesen bestanden die meisten die Matura und studierten, und einer schaffte es gar, sich einen Namen als Historiker des Mittelalters zu machen. In den dreissiger Jahren berief ihn die Universität Fribourg zum ordentlichen Professor, was für ihn, den Katholiken, die einzige Gelegenheit bot, eine solche Position überhaupt zu erringen, weil alle anderen (protestantischen) Universitäten des Landes damals konsequent nur Reformierte, im Zweifelsfall Lutheraner, anstellten.

Auch bei ihm, dem Sohn des Büchsenmachers, muss es sich um einen sehr energischen und zielstrebigen Mann gehandelt haben, denn bald war er Dekan und ein wortgewaltiger, oft darum etwas unbeliebter Vertreter der Schweizer Historikerzunft dazu; zahlreiche Bücher und Aufsätze schrieb er, besonders über die Zeit der Glaubensspaltung in Graubünden, schliesslich ernannte ihn die Fakultät zum Rektor der Universität Fribourg. Ganz oben angekommen, verliess ihn das Glück. Eine Tochter starb jung an Krebs, wohl aus Kummer folgte ihr der angesehene Vater bald in den Tod. In allen Zeitungen der katholischen Schweiz erschienen Nachrufe. 

Sein Sohn, auch er energisch und ehrgeizig, war dreizehn Jahre alt, als der Vater starb. Der Sohn hiess Daniel Vasella. Weil die Rente einer Professoren-Witwe damals nicht sehr luxuriös war, fand sich die Familie auf einmal fast dort wieder, wo man eine Generation zuvor aufgebrochen war, im virtuellen Puschlav, in der Armut, in der Not, immerhin fühlte es sich so an. Panik herrschte am Familientisch und die Mutter musste als Hausmutter in einer Privatschule auswärts arbeiten, um die Kinder durchzubringen.

Drei Generationen Arbeit

Vom Handlanger und Büchsenmacher über den Professor zum Chef von Novartis, einem der grössten Pharmaunternehmen der Welt, und damit zu einem der höchstbezahlten und deshalb verhassten Managern unserer Zeit: In nur drei Generationen stiegen die Vasellas aus dem Puschlav in eine der erstaunlichsten Eliten der Welt empor. 

Es ist ironisch: Vielleicht lässt sich gerade am Beispiel der Vasellas aufzeigen, warum jene so falsch liegen, die meinen, Kapitalismus und soziale Ungleichheit gehörten zusammen wie Pech und Schwefel, ja das Letztere werde durch das Erstere ständig noch verschärft.

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Das ist Mumpitz. Gerade die Schweiz, das Reduit der Erzkapitalisten, beweist das Gegenteil, wie eine neue Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern belegt. Autoren sind Jonas BühlerMelanie Häner-Müller und Christoph A. Schaltegger, Wirtschaftsprofessor und Leiter des IWP.

Die Studie ist nicht neu – und ich habe genau vor einem Jahr schon einmal ein Memo darüber verfasst. Neu ist, dass sie in der englischsprachigen, wissenschaftlichen Fachzeitschrift «Review of Income and Wealth» veröffentlicht worden ist, was eine weitere Verbreitung in der ganzen Welt verspricht.

Das ist auch dringend nötig. Denn was für die Schweiz gilt, kann auch für die meisten anderen westlichen Länder nachgewiesen werden, wenn auch weniger ausgeprägt: Kapitalismus erleichtert in der Regel das Entkommen aus der Armut. Es sind die anti-kapitalistischen, sprich: sozialistischen oder islamistischenDiktaturen, die alle arm machen.

Es gibt in diesem Zusammenhang vielleicht zwei Thesen, die man immer wieder hört, weil sie die Linke (und die meisten Journalisten) permanent wiederholen, was sie allerdings nicht richtiger macht:

Diese beiden linken Thesen sind empirisch falsch, wie diese IWP-Studie zweifelsfrei beweist.

  1. Die Einkommensungleichheit hat sich in der Schweiz seit rund 100 Jahren kaum verändert – selbst in der jüngsten Zeit nicht, wo etwa in Amerika die Einkommens- und die Vermögenskonzentration merklich zugenommen hat.

Die reichsten 10 Prozent der Schweizer Einkommensbezüger vereinen rund 30 Prozent des Einkommens aller privaten Haushalte auf sich, während die obersten 1 Prozent der Spitzeneinkommen einen Anteil von 10 Prozent einstreichen.

Das beweisen die Daten der Swiss Inequality Database (SID) des IWP: Sie wurden bisher nicht widerlegt – weil sie offenbar nicht zu widerlegen sind.

  1. Die soziale Mobilität ist in der Schweiz hoch. Was die Vasellas in drei Generationen erreichten, ist kein Einzelfall, sondern weit verbreitet.

Um diese Aufstiegsmöglichkeiten zu prüfen, haben die IWP-Forscher die Karrieren von Geschwistern erforscht. Dabei stützten sie ihre Analyse auf einen riesigen Administrativ-Datensatz mit Informationen zu über zwei Millionen Personen.

Das ergibt Sinn:

Mit anderen Worten, in einem Land, wo sich die Eliten abschliessen, fällt es Aussenseitern, also Leuten aus der «falschen Familie», schwer, in diese Eliten vorzudringen.

Das ist in der Schweiz aber gerade nicht der Fall.

Der Befund des IWP ist in dieser Hinsicht eindeutig:

17 Prozent ist Vitamin B. Aber 83 Prozent ist die eigene Leistung.

Wenn das nicht amerikanische Verhältnisse sind, wie man sie früher in der Neuen Welt gekannt hatte, – was dort allerdings leider nicht mehr der Fall ist. Die Ivy League, die teuersten Universitäten der Welt haben die Aufstiegschancen der Tüchtigen aus der Unterschicht ruiniert. Thema für ein nächstes Memo.

Und darauf kommt es an – wie auch Milton Friedman, der erzliberale Ökonom und Nobelpreisträger, hervorgehoben hat:

«Wenn es Aufstiegsmöglichkeiten gibt, gibt es eine grosse Toleranz gegenüber Ungleichheit.»

Ich wünsche Ihnen ein aufstiegsorientiertes Wochenende
 

Markus Somm


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