Die Fakten: Die Schweizer Fussballnationalmannschaft stösst ins Viertelfinale der WM vor.
Warum das wichtig ist: 16 von 26 Spielern haben einen Migrationshintergrund. Ein Problem? Im Gegenteil. Eine Hymne auf das Leistungsprinzip.
Wenn man die Namen unserer aktuellen Nationalspieler hört – Embolo, Xhaka, Ndoye – klingen die schon anders als Kuhn, Odermatt oder Künzli; man käme nicht auf die Idee, dass diese Leute bei der Schlacht von Sempach dabei waren, wobei die Vorfahren der Letzteren 1386 den blutigen frühen Nachmittag vielleicht auch zu Hause verbracht hatten, oder möglicherweise gar auf der falschen Seite, der österreichischen Seite aufgetaucht waren.
Was allerdings feststeht: die Ersteren mit den fremden Namen sind erfolgreicher als die Letzteren mit den eidgenössischen.
Köbi Kuhn, Karli Odermatt und Fritz Künzli nahmen alle 1966 an der WM in England teil, wo die Schweiz bereits in der Vorrunde sang- und klanglos unterging:
- Schweiz – Spanien 1:2
- Schweiz – Argentinien 0:2
An der ganzen WM brachten die Schweizer bloss ein einziges Goal zustande – gegen Spanien. Am übelsten erging es ihnen beim Auftaktspiel, einer Apokalypse nationalreligiöser Natur, zumal man auf die ungeliebten Nachbarn aus dem Norden traf:
- Schweiz – Deutschland 0:5
Vielleicht lag es daran, dass Kuhn und zwei andere Spieler die Nacht zuvor im Ausgang versumpft waren und deshalb vom Trainer zur Strafe vom Spiel suspendiert worden waren – oder auch nicht und man hatte einfach miserabel gespielt. Übrigens schoss ein gewisser Franz Beckenbauer, kaum 20 Jahre alt, aber schon ein Star, zwei der fünf Tore für die Deutschen. Diese zogen bis ins Final, wo sie dann gegen die Engländer unglücklich verloren. Da sassen die Schweizer längst wieder zu Hause.
Danach war für 28 Jahre Schluss. So lange gelang es keiner Schweizer Nationalmannschaft mehr, sich für eine WM zu qualifizieren. Bis 1994, als man endlich wieder nach Amerika fahren durfte, um sich an einer WM mit den besten Fussballern der Welt zu messen. Das Ergebnis liess sich sehen: Man schied im Achtelfinale aus.
Wenn man allerdings die Herkunft des Kaders von 1994 betrachtet, hatte sich seit Kuhn, Künzli & Co. nicht viel getan – trotz rekordhoher Einwanderung in den 1960er Jahren. Bloss 3 von 22 Spielern hatten streng genommen einen ausländischen Background:
- Ciriaco Sforza, der vielbewunderte Spielmacher, war ein Sohn italienischer Eltern, die aus Kalabrien eingewandert waren. Im aargauischen Wohlen geboren, war er dort aufgewachsen und 1990 eingebürgert worden.
- Néstor Subiat war in Buenos Aires (Argentinien) zur Welt gekommen, sein Vater war Schweizer, seine Mutter eine Argentinierin. Als er noch ein Kind war, zogen seine Eltern in die Schweiz. Auch er wurde hier gross.
- Christophe Ohrel stammte ursprünglich aus Frankreich. Er war in Strassburg geboren worden, um wenige Monate später mit seinen Eltern in die Schweiz umzusiedeln. Schon als Teenager erhielt er das Bürgerrecht.
Wie sehr sich der schweizerische Fussball seither gewandelt hat, zeigt die Zusammensetzung der heutigen Spitzenmannschaftdes Landes:
- 16 von 26 Spielern weisen einen Migrationshintergrund auf.
- Mit anderen Worten, nur eine Minderheit unseres Kaders hat Vorfahren, die allenfalls in Sempach gekämpft haben.
Ist das schlimm?
Natürlich nicht. Die Schweiz ist ein Land der Einwanderer seit dem 16. Jahrhundert und einen wesentlichen Teil unseres Erfolgs verdanken wir dieser Art von permanenter Frischzellenkur. Was jedoch auch stimmt: Einwanderung bringt den Einheimischen nur etwas, wenn das Leistungsprinzip gilt – je uneingeschränkter, desto besser:
- Wer etwas zum Wohlstand und zur Freiheit dieses Landes beiträgt, ist hoch willkommen,
- wer nur kommt, um uns auszunehmen oder sich ein behagliches Leben auf Kosten jener zu finanzieren, die schon da sind und dafür arbeiten, dass wir uns den (überdimensionierten) Sozialstaat leisten können, ist nicht erwünscht.
Genau aus diesem Grund macht diese Nationalmannschaft so viel Freude. Wenn es eine Branche gibt, wo das Leistungsprinzip mit aller Unbarmherzigkeit sich durchsetzt, aber auch mit aller Fairness, dann der Sport, insbesondere der Fussball, wo auch viel, viel Geld verdient werden kann.
Alle diese Spieler, heissen sie nun Embolo, Xhaka oder Ndoye, sind der beste Beleg dafür, dass in der Schweiz das Leistungsprinzip siegt, wenn man es nur zulässt. Sie mögen schwarz oder weiss sein, heterosexuell oder schwul, Deutsch bzw. Französisch beherrschen oder nicht: Wenn sie auf dem Platz reüssieren, dann sind wir alle farbenblind und vorurteilsfrei, auch der hartnäckigste Rassist und der dümmste Sexistjubelt mit.
- Manch einer mag das unerträglich finden.
Allein, weil uns einer ins Viertelfinale bringt, ist er plötzlich willkommen? Wogegen der Schwächere, der Verlierer, der Unglückliche nicht zuwandern darf?
Ja, so ist es.

Zumal jeder einen Beitrag leisten kann. Ob er als Kellner sich nützlich macht, als Maurer oder als Nobelpreisträger: Solange das Leistungsprinzip und der Markt vorherrschen, geht alles in Ordnung.
- Das ist fair, das ist sozial, ja: das ist auch schweizerisch.
Zumal wir in einem Land leben, wo der fremde Fötzel nie beliebt war, solange man ihn nicht brauchen konnte. Wenn aber der Einheimische merkt: Der strengt sich an, dann heisst es bald einmal: «Den kann man brauchen» – ein eidgenössischer Ritterschlag, und alle Vorurteile brechen zusammen.
Bezieht sich dieses nun auf einen, der Embolo, Künzli oder Ndoye heisst.
Inzwischen bleibt diese Losung gültig, die – so sagt der neueste Forschungsstand schon in Sempach den Österreichern auf die Nerven ging:
«Hopp Schwiiz!».
Wenn Sie es fühlen, dann dürfen Sie das auch mit hochdeutschem Akzent sagen.
Ich wünsche Ihnen einen Multi-Kulti-Tag
Markus Somm
The Big Picture: Hier steht der Text.
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