Mehr zu Prof. Jörn Leonhard
Ein Gespräch mit Jörn Leonhard, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau. Sein Buch «Über Kriege und wie man sie beendet – Zehn Thesen» von Jörn Leonhard ist im Buchhandel erhältlich.
Man wird den Eindruck nicht los, dass die Welt in einem negativen Wandel ist: Iran-Krieg, weitere Eskalationen im Nahen Osten und in Afrika, anhaltender Krieg in der Ukraine. Wie beurteilen Sie die derzeitigen geopolitischen Spannungen?
Gerade, wenn man die Geschichte Europas in der Neuzeit seit dem 16. Jahrhundert betrachtet, dann stellt Krieg über weite Strecken den Normalfall dar. Die Gesellschaft der Gegenwart muss insofern wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass der Weg Europas nach den Kriegen des 20. Jahrhunderts zwar eine bemerkenswerte Leistung war, aber auch eine grosse historische Ausnahme.
Mit dem generationalen Wandel verblasst die Erinnerung, dass diese Friedensphase in Europa nach 1945 eine historische Ausnahme ist. Daraus kann man jedenfalls nicht ableiten, dass der Frieden den Normalfall darstelle, der sich gleichsam automatisch und problemlos in die Zukunft verlängern lasse. Die aktuellen geopolitischen Konflikte stellen dieses Selbstbild Europas fundamental infrage.

Sie sagen, Krieg sei der Normalzustand – weshalb bekriegen sich Menschen bei jeder Gelegenheit?
Zur Geschichte gehört die Ausbildung von Hierarchien in politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Kontexten, etwa durch Teilhaberechte, Besitz oder Status. Wo solche Unterschiede sichtbar werden, provoziert das auch konkurrierende Bedürfnisse, etwa um eine überkommene Ordnung infrage zu stellen, ein Territorium zu erobern oder einem Gegner seinen politischen Willen aufzuzwingen.
Dann wird, wie Carl von Clausewitz im frühen 19. Jahrhundert argumentierte, der Krieg zur «Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln». Das ist eine Grundkonstellation, die man in allen Epochen der Geschichte findet, wenn auch in unterschiedlichen Varianten.
Also werden wir noch lange keinen Frieden sehen?
Als Historiker weiss ich, dass die meisten grossen Kriege nach 1945 nicht mehr wie in den Jahrhunderten zuvor mit einer klassischen Friedenskonferenz enden. Häufig sind es eher brüchige Waffenstillstände, wie nach dem Koreakrieg oder nach dem Vietnamkrieg. Alle Beteiligten wissen um die Möglichkeit der taktischen Atempause und dass der Konflikt bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit weitergeht. Vielleicht nicht in Form von eskalierten Kampfhandlungen, sondern auf einer anderen Ebene: mit Angriffen auf die kritische Infrastruktur, mit dem Test ballistischer Raketen im gegnerischen Luftraum, mit dem Einsatz von lokalen Milizen oder mit Terroranschlägen.
Diese Verlagerung von Gewalt auf andere Ebenen halte ich auch beim Blick auf den Ukraine-Krieg oder den Iran-Krieg für wahrscheinlich: Wir werden dort nicht einen klassischen völkerrechtlich verbindlichen Friedensvertrag sehen – sondern vielleicht nur ein Auslaufen der grossen Eskalation mit der Gefahr der Fortsetzung an anderer Stelle. Daher wird man sich die Frage stellen müssen, wie aus diesem fragilen Zustand eine stabilere Architektur entstehen kann.
Welche Rolle spielen Medien, Karikaturen und Propaganda darin, die Menschen zum Krieg zu motivieren?
Man kann Kriege nicht von Erzählungen und ihrer medialen Vermittlung trennen, denken Sie nur an die Odyssee und den Trojanischen Krieg. Von Kriegen muss berichtet werden, und das Opfer im Krieg erzwingt geradezu die Rechtfertigung in einem Narrativ, sei es durch Texte oder Bilder.
Weder sind die frühneuzeitlichen Religionskriege ohne den Buchdruck vorstellbar noch die Nationalkriege des 19. Jahrhunderts ohne die kollektiv rezipierten Texte und Bilder der Tageszeitungen. Und zu den totalisierten Kriegen des 20. Jahrhunderts gehörten die enormen Propagandaanstrengungen, um die nationale Gemeinschaft im Krieg zu beglaubigen, im Kino wie im Radio.
Insofern steht die derzeitige Rezeption und Instrumentalisierung von Kriegsgewalt im Internet und in sozialen Medien in einer sehr langen historischen Kontinuität, auch wenn das Ausmass von Beschleunigung und Verfügbarkeit sicher historisch ohne Beispiel ist.
Welche Instrumente haben Menschen zur Verfügung, um aus ihrer kriegerischen Natur auszubrechen?
Die Idee der Ächtung des Krieges kann als eine regulative Idee fungieren: Obwohl man diesen Zustand nicht erreichen kann, ist damit doch ein Gerüst von Normen in den internationalen Beziehungen verbunden, die selbst deeskalierend wirken, indem sie die Schwelle zur Anwendung kriegerischer Gewalt erhöhen.
Was taugen diese Instrumente, wenn sie nur abstrakte Ziele verfolgen und nichts weiter sind als das Streben nach einer besseren Welt?
Viele diplomatische Instrumente sind sehr konkret, etwa der Weg von einer Waffenruhe zu einem Waffenstillstandsvertrag zu einer Friedenskonferenz, die Umsetzung völkerrechtlicher Normen. Oder die Umsetzung von Beschlüssen durch die Vereinten Nationen, etwa durch eine international abgesicherte Pufferzone oder den Austausch von Kriegsgefangenen.
Historisch wichtig wurde vor allem ein Funktionswandel der Diplomatie, die nicht erst beim Beenden von Kriegen tätig werden sollte, sondern eine proaktive Funktion erhielt, um den Ausbruch von Kriegen zu verhindern. Wenn man den Krieg nicht aus der Geschichte herausschreiben kann, dann wird es umso wichtiger, ihn zu regulieren, einzudämmen oder in Einzelfällen sogar zu verhindern. Und falls ein Krieg doch
ausbricht, existieren inzwischen internationale Normen, um Nichtkombattanten, also Verletzte, Kriegsgefangene oder Zivilisten, zu schützen und Kriegsverbrechen zu verfolgen.
Aktuelle Ausgabe: «Die Schweiz rüstet auf»
In der neuesten Ausgabe des Nebelspalter-Magazins geht es um die Schweiz im Ernstfall: Ein satirischer Blick auf Krieg und Frieden. Während Europa aufrüstet und der Krieg in der Ukraine kein Ende findet, fragt der Nebelspalter: Ist die Schweiz bereit für ein Kriegsszenario? Wie viele Raviolidosen lagern Sie im Keller? Und funktioniert Neutralität auch als Schutzschild gegen Drohnen?
Welche Rolle kann die neutrale Schweiz spielen, um Frieden in der Welt zu vermitteln?
Die Schweiz nimmt eine traditionelle Rolle ein: als ein von allen Konfliktparteien akzeptierter neutraler Konferenzort, mit passender Infrastruktur, schon aufgrund der vielen internationalen Organisationen und Institutionen, die in der Schweiz ihren Sitz haben.
Wir haben diese regulativen Ideen – wenn ich aber in den sozialen Medien herumscrolle, werde ich mit Kriegsverbrechen, Tod, Zerstörung und Leid regelrecht bombardiert. Ist die Welt friedlicher, als das Internet vermittelt?
Blickt man allein auf die absolute Zahl von Opfern in Kriegen, dann erreichen auch die gegenwärtigen Kriege nicht das Ausmass der Weltkriege. Aber obwohl wir von den Opferzahlen der beiden Weltkriege weit entfernt sind, haben wir natürlich nicht den Eindruck einer friedlichen Welt – und das mit guten Gründen: Mit Zahlen von Vermissten, Verwundeten und Getöteten allein kann man die Welt nicht erfassen. Denn wir sind umgeben von einer Bilderflut der Gewalt.
Mit einem stabilen Internetzugang wird jeder Nutzer eines Smartphones zum Zeitzeugen jeglicher Art von Gewalt– visuell und unmittelbar: Jeder konnte im Frühjahr 2022 unmittelbar verfolgen, was in der Ukraine geschah, was im Herbst 2023 in Israel und im Gazastreifen geschah oder was heute im Sudan geschieht.
Daraus entsteht eine subjektive Wahrnehmung einer Welt mit immer mehr Gewalt, die ich aber von objektiven Gegebenheiten unterscheiden muss. Diese Welt ist sicher nicht friedlich, aber der Eindruck abnehmender Friedensfähigkeit ist immer auch eine Frage der Perspektive.
Wie kommt es zu dieser verzerrten Perspektive?
Viele Menschen sind zugleich geschockt und doch auch fasziniert vom Erschreckenden, und die neuen Medien bieten die Instrumente, um dieses Erschreckende jederzeit und überall einem Weltpublikum zur Verfügung zu stellen. Das verstärkt zugleich den Eindruck, dass die Welt immer mehr zu einem dystopischen Ort wird – dass es nur noch Krieg, Gewalt und Zerstörung gibt. Zudem begünstigt die Logik der Algorithmisierung diese negative Dynamik.
Die Geschichte ist weder eine lineare Fortschrittsgeschichte noch eine kontinuierliche Spirale nach unten. Sie findet in Wellenbewegungen statt – und aktuell befinden wir uns in einer Krisenwelle. Auch 1933 hatten viele Beobachter den Eindruck, die Demokratie habe keine Zukunft. Aber in vielen Gesellschaften, in den USA, in Grossbritannien, auch in Skandinavien, behauptete sich die Demokratie gerade deshalb, weil die Krise auch neue Antworten erzwang.
Natürlich sind wir im Augenblick mit zahlreichen internationalen Krisen konfrontiert. Aber der Eindruck einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät und unweigerlich immer kriegerischer wird, potenziert sich durch diese neuen Medien. Problematisch wird diese Perspektive dann, wenn aus dieser Wahrnehmung ein determiniertes Bild entsteht: von einer Welt, die unmittelbar und unrettbar vor dem Untergang stehe. Denn so verliert man den Blick für andere Handlungsoptionen: Die Dinge können sich auch verbessern!