Zum Inhalt springen

Wie gefährlich ist politischer Humor in Deutschland, Herr Titze?

Wie gefährlich ist politischer Humor in Deutschland, Herr Titze?
00:00 / 00:00
🔊

Ganz knapp: →

Thema der Sendung: Lage des Humors in Deutschland und Einfluss der Politik. Gast: Dr. Michael Titze, Humorforscher, fokussiert auf psychologische Funktionen von Lachen und Scham. Humor soll Bindung stiften, kann aber auch ausgrenzen und kontrollieren. Analyse des politischen Humors: Fragmentierung in Gruppen führt zu einseitigem Humor, der vorwiegend der Selbstvergewisserung dient. Titze kritisiert den Mangel an risikobereitem Humor und die Angst vor Ablehnung in der Gesellschaft. Gesellschaftliche Konventionalität und juristische Verfolgung von „Hasskommentaren“ hemmen humoristische Äußerungen. Warnung von Titze, da Humor ein fundamentales menschliches Bedürfnis ist und für eine gesunde Gesellschaft wichtig bleibt.

Das Thema der Sendung

In der heutigen Ausgabe von «deutsch und deutlich» geht es um die Lage des Humors in Deutschland und darum, ob auch er bereits von der Politik zerstört wurde. Claudio Zanetti unterhält sich mit dem Humorforscher Dr. Michael Titze, der sich seit den 1970er-Jahren mit den psychologischen und gesellschaftlichen Funktionen von Lachen und Scham beschäftigt.

Titzes Interesse wurde durch die Kommunikationstheorie der Palo-Alto-Schule geweckt, die untersuchte, wie widersprüchliche Botschaften in Familien Menschen verunsichern und pathologische Scham auslösen können. Diese Scham sieht er als zentrales Mittel sozialer Kontrolle, das Menschen zu angepassten «Marionetten» macht.

Lachen hingegen ist eine primäre Emotion, die ursprünglich Bindung stiftet – etwa wenn Babys anlächeln und dies erwidert wird. Doch Lachen hat eine Kehrseite: Auslachen kann ausgrenzen, bestrafen und Menschen beschämen, um sie zur Anpassung an den Mainstream zu zwingen.

Im Gespräch über politischen Humor, insbesondere in der aktuellen Karnevalszeit, diagnostiziert Titze einen Wandel: In der fragmentierten Postmoderne, in der scheinbar «alles geht», suchen Menschen Halt in Gruppen mit eigenen Wahrheitsbegriffen – seien es Klimabewegungen, politische Lager oder religiöse Gemeinschaften. Humor wird dadurch oft eintönig und dient vorrangig der Selbstvergewisserung der eigenen Gruppe, etwa wenn über politische Gegner wie die AfD oder Trump gelacht wird.

Titze kritisiert, dass heute kaum noch jemand Risiken eingeht oder sich über Machthaber lustig macht, wie es früher bei Politikern wie Herbert Wehner oder Franz Josef Strauss der Fall war. Der Grund liege in einer verbreiteten moralischen Konventionalität: Die Mehrheit der Gesellschaft bleibe auf dem Stand Zwölfjähriger, die vorwiegend Akzeptanz suchten und Angst vor Ablehnung hätten.

Dies werde verstärkt durch die zunehmende juristische Verfolgung von sogenannten Hasskommentaren, unter die auch humoristische Äusserungen fallen könnten. Es entstehe eine Atmosphäre der Selbstzensur, in der selbst wohlwollende Kritik an Personen wie Annalena Baerbock schnell als «böse» gelten könne. Diese Entwicklung sieht Titze als alarmierend, da Humor ein urmenschliches Bedürfnis und wichtig für eine gesunde Gesellschaft sei.