Früher dachte ich, Krieg sei etwas, das im Fernsehen stattfindet oder in den Köpfen von mittelalterlichen Männern, die zu viel Risiko gespielt haben. Heute weiss ich: Der wahre Terror wohnt direkt nebenan, trennt seinen Müll mit chirurgischer Präzision und heisst Herr Brülisauer.
Seit drei Jahren herrscht zwischen uns ein unerbittlicher Abnutzungskrieg an der Frontlinie der Vorstadt: unserer gemeinsamen Thuja-Hecke. Der Grund für den Ausbruch der Feindseligkeiten? Ein geopolitisches Jahrhundertverbrechen. Brülisauers verwöhnte Edelkatze «Prinzessin» – ein überzüchtetes Haarmonster, das mich fatal an ein wandelndes Toupet erinnert – hinterliess eine unappetitliche diplomatische Note direkt auf meinem frisch gemähten Rasen. Ich beförderte das Corpus Delicti mit einer Plastikschaufel zurück über die Hecke. Direkt auf Brülisauers Designer-Liegestuhl. Seither gilt der Ausnahmezustand.

Es begann mit klassischer Zermürbungstaktik. Brülisauer schoss wenigstens nicht historisch belastet um 5.45 Uhr zurück. Er startete morgens um Punkt sieben Uhr, der absolut frühesten Uhrzeit für legalen Lärmterror, seine akustischen Angriffe. Er schnitt die Hecke. Nicht mit einer Schere, sondern mit einem benzinbetriebenen Monstrum, dessen Dezibelpegel an das Triebwerk einer Boeing 747 erinnerte.
Das war ohne Frage ein klarer Verstoss gegen das Völkerrecht des guten Geschmacks. Mein Gegenangriff liess aber nicht lange auf sich warten: Ich rüstete auf. Im Baumarkt erwarb ich das Modell «Goliath 3000», einen Laubbläser mit integrierter Häckselfunktion, der beim Einschalten die Strassenlaternen im Quartier zum Flackern bringt. Seither blasen wir uns gegenseitig den Dreck der Welt um die Ohren. Wenn wir beide gleichzeitig die Motoren anwerfen, vibrieren die Fensterscheiben bis nach Locarno.
Psychologische Kriegsführung
Natürlich versucht man in einem solchen Konflikt, Verbündete zu gewinnen. Ich suchte das Gespräch mit Frau Rüdisüli von Block C, einer rüstigen Rentnerin, die den gesamten Luftraum der Siedlung von ihrem Balkon aus observiert. Ich bot ihr ein Stück Öko-Rüebli und ein Glas Wein an als strategische Bestechung. Aber ich war zu spät. Brülisauer hatte sie bereits mit einer Packung Premium-Pralinen auf seine Seite gezogen. Frau Rüdisüli fungiert seither als seine Spionin und meldet jeden meiner Schritte direkt an das gegnerische Hauptquartier.
Letzte Woche folgte der Überraschungsschlag. Brülisauer installierte drei extrem hässliche, solarbetriebene Gartenzwerge direkt an der Heckenfront, deren Augen im Dunkeln giftgrün leuchten. Ich konterte asymmetrisch: Eine lebensgrosse Vogelscheuche in einem Miniatur-Konfirmationsanzug, die exakt in Richtung seines Wohnzimmers starrt. Seither zieht er die Rollos auch tagsüber nicht mehr hoch. Was psychologische Kriegsführung ist, muss mir keiner erklären.
Ein neuer Kriegsschauplatz
Ein ehrlicher Arzt würde uns beiden wahrscheinlich dringend zu einer Aggressionstherapie oder zumindest zu einem starken Beruhigungsmittel raten. Aber stattdessen verkaufen sich im Baumarkt die Hochdruckreiniger wie warme Weggli. Man erklärt uns einerseits, dass wir in Harmonie mit der Natur leben sollen, ballert uns aber gleichzeitig mit Werbung für chemische Unkrautvernichtungsmittel zu, die biologische Kriegsführung im Blumenbeet erlauben.
Das Schöne an Konflikten, die man mit Nachbarn austrägt, ist ja: Irgendwann geht einer pleite. Gestern stand ein Umzugswagen vor Brülisauers Haus. Er zieht aus. Er hat kapituliert. Nicht vor meinem Laubbläser, sondern vor den Mietpreisen, wie ich vom Postboten erfahren habe. Ich habe gewonnen! Ein glorreicher Sieg für die Souveränität meines Gartens.
Doch die Freude währt kurz. Auf dem Balkon von Block B steht bereits der Nachmieter. Er sieht aus wie ein durchtrainierter Fitness-Freak, der sich per Katalog bestellte Frauen im Keller hält, was mich absolut nichts angeht, aber: Er hält eine nagelneue, extrem laute Motorsäge in der Hand.
Mach's gut, Brülisauer. Ich vermisse dich jetzt schon. Vielleicht melde ich mich sogar mal bei dir. Aber jetzt muss ich erst einmal in den Baumarkt. Ich liebäugle mit einem völlig unprovozierten Erstschlag, der meinen Gegner unerwartet trifft. Das verschafft mir die nötige Zeit, um Frau Rüdisüli mit einem 1. Klasse-Generalabonnement auf meine Seite zu ziehen. Mir schwebt die Bildung einer Art Miniatur-Nato vor, die allein durch die Kraft der Abschreckung eine Eskalation verhindert. Denn ich bin ja schliesslich keine Kriegsgurgel.